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Fachkräftemangel Bauwesen: Eine Frage der Demografie – oder des Images?

Der Fachkräftemangel im Bauwesen wird häufig als rein demografisches Problem beschrieben. Die geburtenstarken Jahrgänge gehen in Pension, die Zahl der jungen Erwerbstätigen sinkt – und offene Stellen bleiben unbesetzt.

Doch greift diese Erklärung zu kurz?

Im Rahmen eines Forschungsprojekts an der Technische Universität Graz wurde dieser Frage differenzierter nachgegangen. Grundlage war eine Masterarbeit von Patrick Stallinger am Institut für Baubetrieb und Bauwirtschaft, betreut von Dipl.-Ing. Dr.techn. Markus Kummer. Ziel war es, den Fachkräftemangel im Bauwesen nicht nur statistisch zu erfassen, sondern auch die Erwartungen junger Menschen systematisch zu analysieren – und mit der Sichtweise von Bauunternehmen zu vergleichen.

Das Ergebnis: Die Lage ist ernst – aber keineswegs hoffnungslos.

Die strukturelle Ausgangslage in Österreich

Branchenstatistiken zeigen seit Jahren eine hohe Betroffenheit der Bauwirtschaft vom Fachkräftemangel. Mehr als 60 % der offenen Stellen bleiben laut Erhebungen länger als sechs Monate unbesetzt.

Gleichzeitig verdeutlicht die demografische Entwicklung eine strukturelle Verschiebung: Die Zahl der Personen im erwerbsfähigen Alter (15–64 Jahre) wird bis 2040 leicht zurückgehen, während die Zahl der Pensionierungen steigt. Erfahrungswissen geht verloren, Nachwuchs rückt nicht im gleichen Ausmaß nach.

Doch Demografie allein erklärt nicht alles.

Ein Blick auf die Hochschulen zeigt: Während die Gesamtzahl der Studierenden in Österreich steigt, sind die Studienanfängerzahlen im Bauingenieurwesen rückläufig. An der Technische Universität Wien, der Technische Universität Graz und der Universität Innsbruck ist der Peak überschritten, die Zahlen stagnieren oder sinken.

Der Fachkräftemangel im Bauwesen ist daher nicht nur ein Mengenproblem – sondern zunehmend auch ein Attraktivitätsproblem.

Was die junge Generation wirklich will

Im Zuge der Studie wurden drei Gruppen befragt:

  • Schüler von Bautechnik-HTLs
  • Studierende des Bauingenieurwesens
  • Führungskräfte aus Bauunternehmen


Ein zentrales Ergebnis: Die Branchenloyalität ist höher als oft angenommen.

89 % der Studierenden möchten nach dem Abschluss in der Baubranche bleiben. Bei HTL-Schülern sind es 61 %, weitere 25 % sind unentschlossen. Das bedeutet: Das Potenzial ist vorhanden – aber nicht selbstverständlich gesichert.

Was für die Branche spricht

Als wichtigste Gründe für eine Tätigkeit im Bauwesen nennen junge Menschen:

  • Abwechslung zwischen Büro und Baustelle
  • Die Faszination, „einen Plan in die Wirklichkeit umzusetzen“
  • Das generelle Interesse am Thema Bauen


Das sind starke, intrinsische Motive. Interessanterweise wird Nachhaltigkeit zwar als gesellschaftlich wichtig wahrgenommen, aber nicht primär als Einstiegsargument genannt. Hier scheint ein Kommunikationsdefizit zu bestehen: Die Rolle des Bauwesens als zentraler Hebel für Klimaschutz, Ressourcenschonung und nachhaltige Infrastruktur ist offenbar noch nicht ausreichend verankert.

Mythos Work-Life-Balance: Realität und Wahrnehmung

Oft wird der Generation Z pauschal unterstellt, sie wolle „weniger arbeiten“. Die Daten zeichnen ein differenzierteres Bild.

  • Zwei Drittel wünschen sich eine Wochenarbeitszeit zwischen 36 und 40 Stunden.
  • Die Mehrheit ist bereit, drei bis fünf Überstunden pro Woche zu leisten.
  • Über 40 % der Studierenden akzeptieren sogar mehr als fünf Überstunden.


Die Vorstellungen der Nachwuchskräfte decken sich damit erstaunlich stark mit den Angaben der Unternehmen über tatsächlich anfallende Überstunden.

Gleichzeitig zeigt sich jedoch eine klare Erwartungshaltung hinsichtlich Flexibilität:

  • Mehr als die Hälfte bevorzugt ein Modell mit Vier-Tage-Woche.
  • Gleitzeit und Homeoffice werden stark nachgefragt.
  • Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist der wichtigste abstrakte Wunsch.


Hier entsteht kein radikaler Bruch mit bestehenden Strukturen – sondern der Wunsch nach planbarer Flexibilität und moderner Arbeitsorganisation.

Wo das Image kippt

Gegen die Branche sprechen aus Sicht jener, die sich gegen eine Tätigkeit im Bauwesen entscheiden:

  • Zu viel Stress
  • Zu viele Wochenstunden
  • Teilweise zu geringe Verdienstaussichten
  • Und – besonders bemerkenswert – fehlendes Interesse am Thema „Bauen“


Letzteres ist insbesondere bei HTL-Schülern auffällig, die kurz vor ihrem Abschluss stehen. Offenbar gelingt es nicht immer, während der Ausbildung langfristige Begeisterung für das Berufsfeld zu verankern.

Der Fachkräftemangel im Bauwesen ist damit auch ein Kommunikationsproblem: Die Branche wird zwar als anspruchsvoll wahrgenommen, aber nicht immer als sinnstiftend und zukunftsorientiert.

Unternehmen zwischen Angebot und Erwartung

Ein weiterer interessanter Befund betrifft klassische „Benefits“. Betriebsausflüge, Firmenhandys oder Mitarbeiterfeste spielen für junge Menschen eine untergeordnete Rolle. Wichtiger sind:

  • Firmen-PKW mit Privatnutzung
  • Technische Weiterbildung
  • Flexible Arbeitszeitmodelle
  • Nachhaltigkeitsorientierung


Besonders bemerkenswert ist, dass Nachhaltigkeit höher bewertet wird als viele monetäre Zusatzleistungen. Die junge Generation erwartet nicht nur ein Einkommen, sondern auch einen Beitrag zu einer sinnvollen gesellschaftlichen Entwicklung.

Gerade hier liegt eine große Chance für die Bauwirtschaft: Kaum eine Branche gestaltet Lebensräume so unmittelbar und nachhaltig wie das Bauwesen.

Was bedeutet das für den Fachkräftemangel im Bauwesen?

Die Ergebnisse legen nahe, dass der Fachkräftemangel im Bauwesen in Österreich aus drei Ebenen gespeist wird:

  1. Strukturelle Demografie
  2. Rückläufige Studierendenzahlen in bauspezifischen Fächern
  3. Ein teilweise überholtes Branchenimage


Die junge Generation ist leistungsbereit, interessiert und grundsätzlich offen für eine Tätigkeit im Bauwesen. Sie fordert jedoch Transparenz, Flexibilität und eine glaubwürdige Positionierung der Branche als innovativ und nachhaltig.

New Work ist dabei kein modischer Zusatz, sondern ein Instrument zur Wettbewerbsfähigkeit im Arbeitnehmermarkt.

Ein positiver Ausblick

Die Bauwirtschaft steht vor enormen gesellschaftlichen Aufgaben: Klimaanpassung, Ressourcenschonung, nachhaltige Infrastruktur, Digitalisierung von Planungs- und Bauprozessen.

Gerade technisch ausgebildete junge Menschen können hier einen entscheidenden Beitrag leisten.

Der Fachkräftemangel im Bauwesen ist daher nicht nur eine Bedrohung, sondern auch ein Weckruf:

Wenn es gelingt, das Berufsbild moderner, innovativer und nachhaltiger zu kommunizieren – und gleichzeitig Arbeitsmodelle zeitgemäß weiterzuentwickeln –, kann die Branche wieder stärker als attraktives Zukunftsfeld wahrgenommen werden.

Die vorliegenden Ergebnisse liefern dafür eine empirisch fundierte Grundlage – und einen klaren Denkanstoß für Unternehmen, Bildungseinrichtungen und Entscheidungsträger gleichermaßen.

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